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Die Mausefalle

Fünf Mäuse, ein Huhn, ein Schwein und eine Kuh waren Freunde. Sie lebten auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo. Die Mäuse, die im Haus wohnten, waren immer für ihre Freunde da. Sobald eine von ihnen mitbekam, dass sich der Bauer zum Abendessen Brathühnchen wünschte, sagten sie dem Huhn Bescheid, damit es sich verstecken konnte. Wenn eine hörte, dass die Dame des Hauses Schweinewürstchen auftischen wollte, forderten sie das Schwein auf, sich auf die Seite zu legen und so zu tun, als wäre es krank. Und wenn es die Menschen nach einem Roastbeef gelüstete, drängten die Mäuse die Kuh, sich auf eine andere Wiese zu verziehen. Das Huhn, das Schwein und die Kuh nannten die Fünferbande MI5 – Mäuse-Informationsdienst.

Eines Nachmittags beobachtete eine der Mäuse durch einen Riss in der Wand, wie der Bauer ein Päckchen auspackte. Und sie wäre beinahe vor Schreck tot umgefallen, als sie den Inhalt erkannte: eine Mausefalle! „Oh nein, das war´s. Das ist unser Todesurteil“, sagte sie zu den anderen Mäusen. „Was können wir tun?“

Sie beschlossen, ihre Freundin, das Huhn, um Hilfe zu bitten.

„Pok, pok, pok“ machte das Huhn. Was wird so eine kleine Mausefalle mir schon anhaben können?“
Nach allem, was sie für das Huhn getan hatten, konnten die Mäuse kaum fassen, dass es gar nicht auf die Idee kam, ihnen zu helfen oder auch nur gut zuzusprechen.

Also wandten sie sich an ihren Freund, das Schwein. „Oink“ machte das Schwein.  „im Moment bin ich beschäftigt und melde mich später noch mal bei euch. Und im Übrigen: was habe ich schon von einer Mausefalle zu befürchten?“.

Wieder waren die Mäuse enttäuscht. Also gingen sie zu ihrer größten und tapfersten Freundin, der Kuh.

Die Kuh hatte mit Grasfressen so viel zu tun, dass sie zunächst nicht einmal ein „Muh“ herausbrachte. Doch als die Mäuse gar nicht aufhörten, sie anzuflehen, ließ sie sich schließlich doch zu einer Antwort herab: „ Na gut“, sagte sie, „ich denk mal drüber nach. Obwohl es mich ja eigentlich nichts angeht.“

Bestürzt gingen die Mäuse wieder nach Hause. Nach all der Hilfe, die sie ihren Freunden immer geleistet hatten, standen sie nun mit nicht viel mehr da als einem „pok pok pok“ des Huhns, einem „oink“ des Schweins und nicht einmal einem richtigen „muh“ der Kuh.

Als eine der Mäuse später noch auf die Suche nach einem Mitternachtshäppchen ging, tappte sie unversehens in die Falle. „Ping“ machte es und die Maus stieg (weil sie ja immer so nett gewesen war) geradewegs in den Himmel auf.

Als die übrigen vier Mäuse das Geräusch vernahmen, eilten sie ihrer Schwester sofort zur Hilfe.
Doch sie konnten nichts mehr für sie tun, die Maus war tot. Sie jammerten und weinten und schluchzten.
Auch die Bauersfrau hatte gehört, wie die Falle zugeschnappt war und ging hin, um nachzusehen.
Als sie die tote Maus erblickte und vor allem die vier verbliebenen, die voller Trauer weinten und einander in den Armen hielten, stieß sie einen schrillen Schrei aus und fiel in Ohnmacht.
Am nächsten Morgen stand sie immer noch unter Schock und konnte das Bett nicht verlassen. Ihr Mann überlegte, was er für sie tun könnte, und dann kam ihm die Idee: ein Hühnersüppchen. Also schnappte er sich das Huhn, schnitt ihm die Kehle durch und setzte es zusammen mit Wasser sowie etwas Salz und Knoblauch in einem Topf zum Kochen auf.

Als die Freundinnnen der Bauersfrau erfuhren, dass sie krank war und das Bett hütete, gingen sie sie besuchen, wie es die Menschen eben zu tun pflegen. Ihr Mann, der den Gästen etwas zu essen vorsetzen musste, schlachtete kurzerhand das Schwein und servierte gegrillte Rippchen.

Unglücklicherweise erholte sich die Bauersfrau nicht mehr von dem Schock, in den der Anblick der vier trauernden Mäuse sie versetzt hatte. Sie starb. Viele, viele Menschen kamen zu ihrer Beerdigung. Zum Leichenschmaus gab mit Roastbeef belegte Brote. Und nun raten Sie mal, woher der Bauer das Fleisch nahm.
Eine einzige kleine Mausefalle hatte also den Tod einer Maus, eines Huhns, eines Schweins, einer Frau und einer Kuh zur Folge. Denken Sie deshalb nie: „Das ist doch nicht mein Problem.“
Wenn ein Freund Sie um Hilfe bittet, ist das immer auch Ihr Problem.
Denn dafür sind Freunde nun einmal da.

(Ajahn Brahm)