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Yoga auf der Alm - Almsommer 2023



Schon viele Jahre spreche ich davon, in diesem Jahr habe ich also Nägel mit Köpfen gemacht und bin für sechs Wochen als Hilfs-Hirtin auf die Alm. Ich habe dort kein Bergparadies erwartet, in dem mich unzählige Sonnenuntergänge beglücken oder einen Streichelzoo, in dem mir die Tiere vor lauter Zuneigung ständig die Hand abschlecken. Nein. Dass es knallharte Arbeit werden würde, war mir bewusst. Natürlich war ich auf das Handwerk, den Umgang mit den Tieren und das Leben auf der Alm generell neugierig, aber auch, und vor allem, auf meine inneren Erfahrungen dort – wie gehe ich mit den Herausforderungen dort um, wie reagiere ich auf neue Situationen, etc.

Man könnte es auch „Yoga auf der Alm“ nennen – ich wollte meinen Geist und meine inneren Reaktionen weiter kennenlernen und beobachten. Das ist für mich die Essenz von Yoga – jenseits der Matte. Nun ging es also los und anbei paar Auszüge aus meinem Almtagebüchlein - handfeste Erlebnisse gepaart mit inneren Erkenntnissen. Viel Freude beim Lesen und vielleicht die ein oder andere eigene Erkenntnis!


Tag 0

Diese Stille hier oben.

Diese wahnsinnig schöne Stille!

Nichts. Nichts außer dem sanften Flüstern des Bergwindes. Und dem gelegentlichen Pfeifen eines Murmeltieres. Ich kann gerade gar nicht sagen wie glücklich ich bin. Erst die Fahrt vor ein paar Tagen hierher - vorbei an der Teerwüste München mit all den vielen Autos, Blechlawinen, Stau, grauen Straßen, der seelenlosen Zivilisation. Dann weiter über den Brenner - hier wird’s schon besser, die Leitplanken sind wieder rostig (ein untrügliches Zeichen, dass man in Italien ist) und es duftet förmlich schon nach echt italienischem Espresso. Weiter nach Klausen (10 km südlich von Brixen), Kurzer Bummel durch die malerischen und mittelalterlichen Gassen, mit dem Kloster hoch oben auf dem Hügel. Es spricht mich sofort an, ich spüre den Wunsch hinter diesen Mauern eine Zeitlang zu leben. Fülle im Nichts erfahren - was beneide ich die Nonnen. Hier unten in der Altstadt schon total italienisches Flair, mit Palmen und 27 Grad - mir natürlich viel zu warm. Viele Italiener und Touristen, erster Espresso mit Tiramisu - ciao Italia! Dann rauf nach Gufidaun, wo der Besitzer der Alm wohnt. Umladen, dann weiter zur Alm. Wir steigen aus und es dauert keine 5 Minuten: auf einmal wird mein Herz ganz weit. Die Luft, endlich wieder kühler. Letzte Schneereste blitzen in der Sonne. Auf einmal sind wir hoch oben über den Dingen. Die laute Welt haben wir hinter uns gelassen. Eine würzige Bergprise umweht sanft meine Nase. Die vertrauten Berge - Langkofel, Plattkofel, Schlern - grüßen mich still aus der Ferne.

„Hallo ihr lieben Freunde - schön euch zu sehen, ich habe euch vermisst.“ murmel ich ganz still und heimlich, damit mich der Almbesitzer nicht gleich wieder ins Tal schickt 😊 Und das Schönste: endlich wieder mein Lieblings“Geräusch“. Diese Stille. Nichts als Stille. Kein Straßenlärm, keine lauten Touristen, kein Hupen. Ein paar Vögel zwitschern. Mein Herz wird ganz weit und freudig. Ein inneres Lachen breitet sich aus und durchströmt mich von oben bis unten. Zuhause kommt mir sofort in den Sinn und steigt aus den Tiefen meines Herzens auf.

Angekommen“. Ich atme tiiiiiiieeeeeef durch. Ja. Genau richtig. All die Mühen und Beschwerlichkeiten der letzten Tage mit Packen und Vorbereiten sind vergessen. Mit einem breiten Grinsen fange ich an unsere Sachen auszuladen und mein Quartier zu beziehen. Der Almsommer 23 kann kommen.


Mir ist sehr wohl bewusst, dass es nicht die äußeren Umstände sind, die einen Menschen glücklich machen, sondern die inneren Zustände. Dass Zufriedenheit entsteht, wenn der Geist ruhig ist. Aber für heute, für jetzt, bin ich einfach nur glücklich, weil ich eben hier bin, in dieser Gegend. Und ich spüre auch wieder einmal ganz deutlich, dass es sich lohnt, immer wieder mal die Komfortzone zu verlassen und über diese kleinen Hürden wie z.B. Packen für 2 Monate (Dinge, die man im bequemen Alltag einfach gerne mal vermeidet) zu gehen.

Und ich bin so gespannt auf die Herausforderungen und Hereinforderungen, die mich hier erwarten. In einem Yogavortrag über Karma Yoga sagte Swamiji neulich: „Immer wenn wir an Grenzen kommen, wird unser Ego poliert.“ Und ich musste an bestimmte Erlebnisse denken, wie z.B. meine Yogalehrerausbildung oder die Kailash-Umrundung – Momente, in denen ich echt zu kämpfen hatte. Aber all diese Erlebnisse, so herausfordernd sie auch waren, waren im Nachhinein soo eine Bereicherung!

Also, schau ma’ mal, was dieses Mal so kommt.


Tag 1

Der erste richtige Arbeitstag auf der Alm geht zu Ende. Ich weiß nicht was ich mehr bin: total müde vom Werkeln oder total aufgedreht 🤪 Was war das für ein Heidenspaß heute als der Hirte, der Almbesitzer und ich zu dritt auf einem Quad über einen Hügel gedüst sind, zum Mittagessen auf die Nachbarhütte. Das war aber nur eine Ausnahme, die meiste Zeit sind wir bergauf bergab gelaufen und ich weiß nicht wie viele Kilometer und Höhenmeter. Puh, ganz schön anstrengend… Aufgedreht bin ich, weil ich heute die Hütte für mich ganz alleine habe: Der Koch kommt erst am Freitag, die Sennerin am Samstag, die Kühe morgen. Hirte und Almbesitzer sind heute nochmal runter ins Tal. So sitze ich hier vor einer Almhütte in den Dolomiten auf 2300 m und schaue der untergehenden Sonne zu, während nebenan ein Wasserfall plätschert und die Murmeltiere fleißig pfeifen. Ich muss jetzt dann noch Holz holen, um die Stube einzuheizen. Es ist wie früher. Die Schlafkammern total klein - ohje, wohin mit meinen Sachen 😮

Aber aus vergangener Erfahrung weiß ich ja: Verzicht bereichert und so macht sich ein inneres Lächeln breit über dieses einfache Leben hier. Auch dass ich gerade noch alleine bin, einfach nur hier sitzen darf und eine gefühlte Ewigkeit die Landschaft beobachten kann – dieses einfach nur Sein beglückt mich zutiefst. Noch ahne ich nicht, dass das für eine lange Zeit der letzte Moment des Seins für mich sein wird. Das, was das Leben so wertvoll für mich macht, wie ich später hier erkennen darf.

Ich darf mich auch mit einer echt italienischen Espressomaschine im Wert eines Kleinwagens herumschlagen für heißes Wasser, denn einen Wasserkocher gibt es nicht. Es wird nur noch wenige Tage dauern und dann steppt hier der Bär und viele Leute werden ein und ausgehen und Sennerin, Hirt und Koch werden alle Hände voll zu tun haben. Ich bin gerade sehr beseelt, so etwas hier zu erleben. Eine Almhütte, ganz für mich alleine…

Heute Morgen beim Hochfahren mit dem Almbesitzer hat er mir noch von den Wölfen erzählt, die hier nachts herumstreifen und viele Schafe reißen. Oft bleibt dann ein einziges Schlachtfeld übrig…. ob sie heute wohl auch um die Hütte streifen, während ich hoffentlich tief schlafe und von Zäunen träume? Ich habe überhaupt keine Angst hier - auch alle Haustüren sind offen. Ich fühle mich sicher und geborgen– eingebettet in die großen Dolomiten, diese mächtigen Berge, eingebettet in etwas Größeres.

Beschützt und behütet fühle ich mich.

Dem Himmel so nah.

Gute Nacht ….


Tag 4

Heute kamen die ersten Kälber und ich hatte das erste Mal einen Hirtenstab in der Hand und habe renitenten Jungkühen gezeigt, wo der Weg langgeht. Oder zumindest versucht 😊

Es war süß zu sehen, wie aufgeregt die vierbeinigen Jungs sind. Vorher bin ich mit dem Hirten stundenlang die gesamten Weidezäune abgegangen - steil bergauf, steil bergab, wieder viele Kilometer und Höhenmeter. Gegen Nachmittag war ich dann richtig platt. Wir haben während dem Weidezäune abgehen oft geredet und ich habe viel erfahren: über die Wölfe, über Lava-Erde hier in den Dolomiten, über behinderte Enziane 😂 und noch viel mehr. Es ist so interessant, von Einheimischen zu erfahren und zu lernen. Nachmittags zum Espresso wieder auf die benachbarte Hütte und ganz cool vorbei an den Gästen marschiert und an den Stammtisch gesetzt– es ist ein neues Gefühl, Teil der „Bergcrew“ zu sein. Fazit des heutigen Tages: Karl, der Almbesitzer, fährt viel gemächlicher mit dem Quad über die Hügel. Michael, der Hirte, rast ganz schön und ich muss mich immer mächtig reinspreizen und festkrallen und eigentlich ist das fast der anstrengendste Part immer vom ganzen Tag 😊, aber es macht Spaß. Und wieder einmal merke ich, so wie auf dem Bergbauernhof im letzten Jahr, es geht bei dieser Art von Arbeit nicht darum fertig zu werden, sondern einfach nur Stück für Stück zu machen. Im JETZT sein.

Am späten Nachmittag sind wir noch einmal los und haben die Ziegenweide eingezäunt. Ich war wirklich völlig fertig, mir war fast schon schwindelig und ich hatte keine Ahnung wie ich für den Herdenschutzzaun noch fünf Mal dieses Stück bergauf laufen sollte und wieder hinunter. Ich spürte wie Wut in mir aufstieg, weil ich das Gefühl hatte, dass ich Grenzen überschreite und meinem Bedürfnis nach Pause nicht nachgegeben wird.

Was ist „richtig“?

Diesem Bedürfnis nachgeben oder trotzdem weitermachen?

Diese Wut ist mir wohlbekannt und habe ich so schon öfter erlebt. Ich hatte dann einen AHA Moment, als ich mich in all meiner Erschöpfung/Wut/Zerrissenheit an eine wunderbare Atemtechnik von Thich Nhat Hanh, die mir schon im Alltag immer mal wieder absolute Glücksmomente verschafft hat, erinnert habe:

„Breathing in I tell myself ‚I have arrived’ , breathing out I tell myself ‚I am home’.“

Breathing in – „I have arrived“

Breathing out – „I am home“

Ich habe das 2,3 Atemzüge gemacht und sofort war tiefer Frieden in mir spürbar. Ich realisierte: ich muss nirgends anders sein, als ich JETZT bin. Alles ist genau richtig, so wie es JETZT ist. Ich kann in Zeitlupe den Berg hinauflaufen, in Zeitlupe den Zaun einfädeln, das Plastik der Zaunhalterungen spüren, den Atem einfach bewusst wahrnehmen, die Geräusche rundherum - wenn ich einfach ganz präsent bin, bei dem was ich tue, entspannt sich alles. Und tatsächlich: sofort spürte ich tiefen Frieden in mir. Danke Thay, für diese Technik.


Im Yoga würde man sagen, wir mögen es nicht mit Situationen konfrontiert zu werden, die wir so nicht geplant haben oder die wir nicht kontrollieren können. Da sagen wir lieber „ich will das nicht“ und kreieren so einen inneren Konflikt und werden wütend. Anstelle der altbekannten Reaktion können wir jedoch die neue Situation als eine Herausforderung ansehen oder als eine Möglichkeit, die uns hilft stärker zu werden, klarer oder sicherer in uns selbst. Wenn wir lernen mit jeder Situation oder Problem umzugehen, dann wachsen wir. Ein innerer Konflikt entsteht immer dann, wenn wir das, was wir machen müssen, nicht machen wollen. Dann stehen uns unsere Wünsche im Weg und wenn diese nicht erfüllt werden, kreiert das einen inneren Konflikt oder ein Problem. Was wäre, wenn wir uns nichts wünschen, sondern einfach nur glücklich sind mit dem was wir in jedem Moment tun? Das ist Freiheit. Keyvalya sagt man im Yoga.

Das habe ich in diesem Moment so klar gespürt – ich habe tief in mir verstanden, wenn ich jetzt das Zäunen abbrechen würde und mich ins Bett lege, ginge es mir auch nicht besser. Wenn ich aber in den Moment hineinentspannen kann, entspannt sich auch mein Geist.


Tag 5

Seit gestern sind 35 Kühe da und die Luft ist wieder erfüllt vom entfernten Läuten der Kuhglocken. Ich liebe das, denn was mir hier oben schon fehlt, ist das Kirchturmläuten. Die Kühe sind also da.

Und Rocky.

Rocky ist der Hütehund.

Rocky liebt Schnee.

Rocky liebt Stöcke.

Und Rocky liebt vor allem Murmeltiere.

Ich schmeiß mich jedes Mal weg vor Lachen wenn er unterwegs lossprintet auf eins oder versucht in einen Murmeltierbau zu krabbeln und dann auf halber Strecke steckenbleibt.

Gestern sind wir auch die andere Hälfte der Alm abgegangen. Jetzt weiß ich, über welches Gebiet sich die Alm erstreckt. Wirklich riesengroß. Und steil 😮 aber gut, jetzt ist er ja dicht, der Zaun.

Much, der Hirt, hat gestern den ersten Stromschlag abgekommen - bah, hat das gezunden! Da ist echt gut Saft drauf, muss auch - damit der Wolf wegbleibt. Mal schauen wann es mich erwischt.

Die Hütte kommt so langsam ins Laufen, heute kommen die ersten Frühstücksgäste und der Koch ist schon fleißig am Werkeln - der Duft von Apfelstrudel und Spinatknödel liegt in der Luft - hmmmmm…. das Beste daran: der Koch bekocht auch uns Mitarbeiter 😋

Grad eben sitz ich hier mit Much und wir warten auf den Bauer, der weitere Kälber bringt. Er hängt wohl noch im Tal fest. Der Blick schweift über die Geislerspitzen und die Seiser Alm - ich nehme bewusst ein paar tiefe Atemzüge. Yoga auf der Almwiese, denn für Asanas fehlt der Platz in der Almhütte ☹️ und natürlich die Zeit.

Dieser fehlende Raum für Rückzug und Zeit für die eigene Praxis ist für mich hier oben die größte Herausforderung bzw. Hereinforderung - mal sehen, wie es damit weitergeht.

Es beeindruckt mich, was für ein enormer Aufwand betrieben wird, nur um 3,4 Monate die Tiere hier oben zu haben. Und was der Wolf für Mehrarbeit verursacht. In den nächsten Tagen kommen die Ziegen und ich bin schon gespannt auf sie. Ich habe gehört, sie sollen sehr eigen sein und blaue Flecken wurden mir auch schon versprochen.

Heute Nachmittag beim Zäunen in steilen Gräben (für die Ziegen) war ich sehr unzufrieden mit mir. Natürlich ist jeder Handgriff neu für mich und am Anfang nicht perfekt, aber ich hatte das Gefühl, ich stelle mich total dumm und ungeschickt an. Es hagelte nur so vor Selbstkritik, zum Schluss auch über so banale Sachen wie das Gehen in steilen und unwegsamen Gelände und natürlich meine Kondition. Puh – ganz schön anstrengend, dieser Widerstand im Kopf und diese Selbstkritik.

Dann kam auch noch die Angst ans Licht – ich hatte auf einmal Angst vor Kühen, was ich noch nie hatte.

Was war das jetzt?

Was sagt nochmal die Yogalehre dazu?

Zum Beobachter werden, nicht darauf einsteigen? Die Unsicherheit umarmen? Den Widerstand aufgeben?

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Unruhe entsteht in meinem Kopf - ganz schlecht, würde Yoga sagen. Denn es geht ja darum Gedankenstille zu schaffen. Nun gut, der erste und wichtigste Schritt ist zumindest schon einmal getan: das Erkennen der vielen Gedanken. Für den weiteren Schritt hab ich heute keine Kapazität mehr. Mal sehen wie es morgen ist.


Tag 7

Der Haupthirte, mein Alm-Guru 😇, ist übers Wochenende im Tal. Vormittags habe ich die Kälber gezählt und nach ihnen geschaut - mei, was für ein Hatscher. Die Kälber haben Grüppchen gebildet, ein Teil hier, ein Teil da, jede in einem anderen Eck und die Pustertaler Sprinzen haben sich auch noch unten im Wald versteckt. Rocky wurde einmal angegriffen von einem Rind, das ist richtig losgaloppiert auf ihn. Und ich dachte mir:

„Hmmm, vielleicht nimmst du das nächste Mal besser einen Stock mit, falls sie auch mal so auf dich losgeht.“ Die sind nämlich sehr interessiert, wenn Besuch in ihrem „Wohnzimmer“ auftaucht – die wollen eher spielen, sie sind nicht aggressiv. Aber ehrlich gesagt: ich möchte nicht mit einer 400 Kilo Kuh spielen 😬

Also, erster Anfängerfehler: niemals ohne Stock losgehen. Nachmittags habe ich der Sennerin geholfen und nun, am Ende eines Tages, weiß ich nicht, was besser ist: zwickende Wadeln und Muskelkater vom Rumhatschen und Zäune richten oder schrumpelige Hände mitsamt dem G’schmackl von der Lauge 🙂 Noch ist es ruhig – nur ein paar Gäste tagsüber und noch nicht alle Tiere da. Ich hab ein bisserl Bammel davor wie es wird, wenn es richtig losgeht – also alle Tiere da sind und auch mehr Gäste bekommen. Heute hat mich ein Wanderer gefragt, welcher Tag heute ist und ehrlich gesagt ich musste lange überlegen. Hier oben vergisst man tatsächlich die Zeit und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass unten im Tal Sommer ist mit 25° und mehr. Hier oben hat es ungefähr 15° und ist sehr angenehm. Also, heute falle ich nicht todmüde von den vielen Höhenmetern und Kilometer ins Bett, sondern mit schrumpeligen (und sauberen) Händen. Auch mal schön…

Ach ja, zur Selbstkritik von gestern: die ging heute Vormittag munter weiter, ich war ein Päckchen Unsicherheit und Angst. Beim Kontrollieren der Kälber habe ich mich irgendwann ins Gras gesetzt, eine Zeit lang innegehalten und diese Angst einfach nur mal da sein lassen. Okay, ich bin ängstlich. Ich bin keine Heldin. Ja, das darf sein. Danach wurde es besser, die Angst war weg.

Was Annahme doch ausmacht ;-)


Mittwoch, ein weiterer Tag

(ich habe aufgehört, die Tage zu nummerieren, denn Daten oder Zahlen spielen hier oben keine Rolle mehr, verlieren an Bedeutung – außer beim Kälber zählen natürlich😉)


Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet und nur vier Gäste waren den Tag über da, obwohl Sonntag ist. Keine Bergschuhe heute, welch Wohltat! Wir haben ein Regal im Käsekeller aufgebaut und es hat so richtig gut getan einmal „nichts“ zu tun. Die Almfamilie wächst langsam zusammen und es ist ein wirklich schönes Miteinander.

Rocky war heute gelangweilt – keine Zäune machen, kein Spaziergang, kein Kühe zählen. Nur zu Hause rumsitzen ☹️

Gestern, als viele Gäste da waren, habe ich gesehen wie ein Haufen Bargeld über den Tresen geht und mir wurde bewusst wie viel der Almbesitzer einnimmt. Erst kam ich ins Hadern und habe mich gefragt, warum ich das alles für ein Taschengeld mache und ob das mit meinem Selbstwert zu tun hat.

Heute wird mir klar:

Ich werde jetzt schon so reich beschenkt - mit tiefen Erkenntnissen.

Und die sind 1000 x mehr wert als irgendein Geld. Das Geld fließt wieder davon, diese Erkenntnisse aber bleiben und kann mir keiner mehr nehmen, sind ein Schatz für den Alltag. Es sind Erkenntnisse zum Thema innerer Widerstand (beim Zäunen am zweiten Tag als ich so k.o. war und eigentlich Pause machen wollte, aber es nicht ging) und zum Thema Unsicherheit/Erwartungen (sich dem Unbekannten öffnen/das Leben hält immer das Richtige bereit).

Wow – was für Erkenntnisse und was für ein Reichtum!

Ich bin (Alm-) Millionärin!


Donnerstag

Heute ist der dritte Regentag in Folge und es gibt nicht wirklich was zu tun. Einmal kurz haben wir gestern Zäune gemacht, ich habe mich zu dumm angestellt, um einen einfachen Zaun auszurollen. Mein Gott – was bin ich für eine unfähige Person! Ich werde an allen Ecken und Enden wieder mit dem Thema konfrontiert:

ich kann nichts/bin nichts wert/absolut inkompetent.

Wie um alles in der Welt kann ich das ändern? Es begegnet mir ja nicht nur hier, sondern auch beim Yoga, bei dem Stadtführungen,… Ich habe ich so eine scheiß verdammt Angst Fehler zu machen oder nicht gut genug zu sein. Das Gefühl, nichts wirklich gut zu machen/können. Dieses Gefühl kenne ich vom Tal, es scheint jedoch, als ob es hier oben 1000x verstärkt hervorkriecht und ans Licht kommt.

Wie heißt es so schön Im Handbuch Alp:

„Die Alp ist nicht der Ort, an dem du aufhörst zu rauchen, zu trinken und Schokolade zu essen. Sie ist nicht der Therapieplatz, an dem du die Trennung von deiner Liebsten problemlos bewältigen kannst. Die Alp wird dein Arbeitsplatz sein und sie ist vor allem der Ort, an den du dich selbst mitnimmst. Niemand da, der dir das abnehmen wird.“

Wie wahr…..Ich hab´s geahnt ;-)

Heute habe ich Karl, den Almbesitzer wegen meiner weiteren Planung auch gefragt, wie das nun ist mit der weiteren Hilfe auf der Alm, ob ich im August noch einmal kommen soll (darüber hatten wir vor Beginn einmal lose gesprochen und es stand noch offen im Raum). Er meinte „Nein, wir haben genügend Leute, dieses Jahr ist scheinbar ruhiger, lassen wir´s bei den sechs Wochen.“ Er hat das total nett gesagt, aber für mich war das natürlich die Bestätigung, dass ich lieber zu Hause bleiben soll, denn ich tauge eh nichts. In mir kam ganz viel Traurigkeit hoch danach. Eben weil die Zeit hier jetzt begrenzt ist und auch weil ich nach seiner Aussage das Versagergefühl bestätigt hatte.

Gottseidank gibt es die Werkstatt mit dem Heuhaufen, wo man sich wunderbar auf dem Schlitten setzen kann und eine Stunde in Traurigkeit verweilen, während Rocky einem Gesellschaft leistet und man sein weiches Feld krault. Erster Alm-Blues….


Freitag Seit ein paar Tagen sind die Ziegen da, 40 an der Zahl. Die sind wirklich nett und jede für sich eine ganz eigene Persönlichkeit. Und die gehen alles andere als zimperlich miteinander um, woooha! Das Rein- und Raustreiben in den Stall zum Melken funktioniert bisher total gut, Sennerin, Zusenn und ich helfen zusammen. Die Villnösser Brillenschafe sind gestern angekommen und auch vier Schweinchen, die aber leider eine Erkältung haben. Heute Morgen lagen sie ganz dichtgedrängt nebeneinander – ein Zeichen dafür, dass sie frieren. Ist ja auch kein Wunder, denn hier oben auf über 2300 m ist es noch recht zapfig. Gestern erst gab es mal wieder Gewitter mit Hagel und für eine zeitlang war der Boden weiß. Immer noch nicht vorstellbar, dass unten im Tal Sommer ist…. Überhaupt kann ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen jemals wieder ins Tal zurückzukehren. Auch wenn die Arbeit wirklich hart ist und nicht viele freie Minuten bleiben, es ist total bereichernd mit den Händen, den Tieren und der Erde zu arbeiten (und ja, manchmal auch mit Wanderern). Die Alm-Crew wächst Tag für Tag zusammen und es ist ein wirklich schönes Miteinander - italienisch, deutsch, pakistanisch – alles vertreten. Da der Koch Italiener ist, gibt es natürlich sehr oft Pasta. Die Sennerin ist deutsch, der Käse wird also pünktlich gewendet 😉 und das Beste, der Koch kann jetzt die Linzer backen 😊😊 Gestern war ich alleine unterwegs zum Zaunpfähle verteilen - ich hab es total genossen, so alleine vor mich hinzuwurschteln, weit weg von der Alm, wo viele Gäste waren. Aber was für eine harte Arbeit! Der Lohn ist heute ein gestandener Muskelkater und auch eine saubere Erkältung. Ich glaube der Körper signalisiert einfach „jetzt ist es mal genug mit körperlicher Anstrengung.“

Heute Abend gab’s auch das erste blutige Ohr, beim Auftreiben der Ziegen auf den Melkstand habe ich ein Horn abgekommen. Aber lieber ein blutiges Ohr als ein ausgestochenes Auge … Zweiter Anfängerfehler also: den Kopf nicht zu tief senken bzw. nicht so weit runterbücken.

Gestern Abend lag ich im Bett in unserem neuen Zimmer (die Mitarbeiter mussten kurzfristig Zimmer tauschen) und hab auf meinem iPad noch einen Vortrag angehört. Dann erst habe ich den Blick von meinem Bett aus heraus erst wirklich realisiert und dachte mir „wow, ganz großes Kino!“ Man kann also in allerschönsten Gegend sein und es trotzdem verpassen, weil man in eine virtuelle Welt abtaucht.


Sonntag

Heute war ich wieder zum Zaunpfähle verteilen unterwegs. Diesmal mit Sonne und blauem Himmel. Auf dem Weg dorthin Kälber und Pferde gezählt. Heute habe ich alles in Zeitlupe gemacht - es ging gar nicht anders. Die Erkältung, die ich mir vor 3 Tagen geholt habe, sitzt in den Knochen und die Nase ist zu. Ich musste total oft niesen und habe öfter heftig Nasenbluten bekommen. Der Körper zeigt wohl ganz deutlich seine Grenzen auf bzw. war ich die Tage vorher wohl zu eifrig unterwegs. Ich wollte es gut machen. Aber heute war körperlich echt die Batterie leer. So habe ich gezwungenermaßen ganz oft Pausen gemacht, in denen ich mich ins Gras gesetzt habe und den Blick habe schweifen lassen.

Das ist sooooo wertvoll - diese Pausen und das Innehalten, einfach nur mal schauen, da sein, nichts tun. Und was haben mir diese Pausen in den letzten Tagen gefehlt – irgendwie, das merke ich hier oben, gehören die zu meiner Zufriedenheit dazu.

Mit fehlenden Pausen/Möglichkeiten zum Innehalten schwindet meine Zufriedenheit.

Beim so Rumsitzen und einfach nur mal schauen ist mir dann auch aufgefallen, dass ein Kalb lahmt. Wir haben es später von der Herde getrennt und nachgesehen

Und als ich zur Alm zurückgewandert bin, landete gerade in diesem Moment der Hubschrauber der Bergrettung vor der Alm. Ich musste schmunzeln: „jetzt holt der Bergdoktor den frisch gemachten Käse schon persönlich ab“, dachte ich mir. Es war aber ein Wanderer mit Verdacht auf Herzinfarkt. Es gibt hier oben übrigens auch eine Sauna! Die hat der Almbesitzer auch vor einigen Tagen hinaufgefahren. So eine Fass-Sauna. Wenn´s draußen mal wieder kalt ist (hier hatte es bisher nie über 12 Grad, springen wir hinein).


Donnerstag

Das Vierer-Zimmer ist seit gestern voll und ich glaube heute war der erste Tag mit Alm-Koller. Keine freie Minute, immer Menschen um einen rum, harte körperliche Arbeit, keine Privatssphäre,… ich habe gewusst, dass dieser Tag früher oder später kommt. Dass diese Seite genauso dazugehört wie die andere. Wie sagt man im Yoga?

Alles nur Zustände, die kommen und gehen.

Na, dann schau ma mal…..

Tiiiiieeeef durchatmen und wach bleiben 😉

Abends waren wir, die Alm-Crew, noch bei der Nachbarhütte auf ein Feierabend-Trunk - schön war‘s und der Almkoller has gone. Zumindest temporarily



Samstag

Gestern bin ich komplett flachgelegen mit Fieber und Husten. Der Körper holt sich wohl, was er braucht: Ruhe, Ruhe, Ruhe. Nach einem komplett verschlafenen Tag mit wirren Fieberträumen, schwitzen, etc. bin ich heute wieder fit. Der gestrige Krankheitstag hat wie eine Katharsis gewirkt.

Heute sind wir gleich nach dem Frühstück wieder mit dem Quad los zum Stacheldrahtzaun machen. Lea, die Zusenn, ist nachgekommen zum Helfen. Wir zwei hatten ein super gutes Gespräch über diese hektische Betriebsamkeit und das gefühlte schlechte Gewissen, wenn man „nichts“ tut bzw. einmal 5 min rumsitzt. Das Gespräch hat mir so gut getan, denn es bestätigt mich in meinem Empfinden, es ist also nicht falsch. Überhaupt haben wir zwischendrin immer wieder super gute Gespräche geführt und auch viel gelacht, ich bin sehr dankbar für diesen Vormittag. Es war zwar wie immer super anstrengend, aber das Miteinander war total schön. Zurück sind wir zu viert auf dem Quad, was für ein Spaß! Steile Hänge hoch, zwei sitzen vorn (zum Ausbalancieren), steile Hänge runter, zwei sitzen hinten, der Almbesitzer Karl immer am Steuer, der Hirt Much seinen Hut festhaltend. 😎

Als wir zurückgekommen sind, war die Bude voll mit Gästen und obwohl wir alle superdurstig und k.o. waren, mussten wir gleich wieder Vollgas geben und alle zusammenhelfen. So hieß es erst einmal die duftenden Spinatknödel vor uns hertragen, zu den Gästen, bevor wir sie selbst kosten durften - was man hier oben echt lernt, ist eigene Bedürfnisse hintenanzustellen 🙃

Ich musste an den Vortrag von Swamiji denken, in dem es um Karma Yoga bzw. selbstloses Dienen, eigene Grenzen und das Ego abschleifen ging.

Wir haben nun auch damit angefangen, den Ziegen Namen zu geben, passend zum Charakter: Susi, Schlappohr, Yeti, Gespenst und the boss sind schon vergeben. Und wir haben auch schon eine Yoga-Ziege: die strampelt beim Melken jedes Mal so heftig herum, dass die Sennerin beide Beine über die Absperrung hängt.

Apropos Yoga: für Asanas ist natürlich überhaupt kein Raum und keine Zeit mehr, manchmal stehe ich eine halbe Stunde früher auf (wenn alle noch schlafen) und mache dann im Keller ein paar Übungen.

Das geistige Yoga, das Beobachten des Geistes, der Filter, durch die man wahrnimmt und die Reaktionen, findet hier jedoch unbegrenzten Raum. Alle Herausforderung werden zu Hereinforderungen, das work-out zum work-in.

Die 5 Schweine heißen übrigens der Einfachheit halber alle Rudolph, Rudolph 1-5 🐷, manchmal nennen wir sie auch „Familie Rudolph“


Sonntag

Heute war ich beim Käsen dabei - super interessant und eine Wissenschaft für sich! Die Sennerin vom letzten Jahr ist die Freundin der Sennerin vom diesen Jahr und grad zwei Wochen zu Besuch - da wurde natürlich gefachsimpelt und ausgetauscht 😊

Es wäre heute wieder eine harte körperliche Arbeit drangewesen, aber ich habe heute ganz deutlich meine Grenzen gezogen und den Almbesitzer um eine leichtere körperliche Tätigkeit gebeten. Vor allem nach dem anstrengenden Tag gestern. Und das war die genau richtige Entscheidung.

Das mit den Ziegen läuft superentspannt mittlerweile - ich habe auch eine Schmuseziege entdeckt! Jedes Mal vor oder nach dem Melken schmeißt sie sich in meine Arme und knutscht mich regelrecht ab, so herzallerliebst! Morgen kommen 15 Milchkühe, dann fängt der Tag um 4.15 Uhr an anstatt 5.30 Uhr. Gäste waren heute wenig da und so war zum ersten Mal (und vielleicht letzten Mal?) Zeit für eine kleine Wanderung zu dritt am Nachmittag. Der Koch war wieder joggen und danach gab‘s gemeinsam Apfelstrudel auf der Terrasse. Es war insgesamt ein entzerrter Tag und das hat so gut getan.


Ich hatte auch noch eine Erkenntnis zum Thema Widerstand, dem ich hier oben öfter einmal begegne. Also Widerstand in der Form, dass einem gesagt wird, das zu tun ist, man aber lieber etwas anderes tun würde.

Im Yoga sagt man: Ein Problem entsteht immer dann, wenn wir etwas tun müssen, was wir nicht tun wollen. Wir Menschen mögen keine Situationen, die wir so nicht geplant haben oder nicht kontrollieren können. Da sagen wir lieber „Ich will das nicht“ und kreieren so einen inneren Konflikt. Anstatt mit einer altbekannten Reaktion zu reagieren, können wir die ungeplanten Situationen als Herausforderungen sehen, die uns klarer, sicherer und stärker machen.

Und genau dabei habe ich mich so oft beobachtet – wie dieser Widerstand auftaucht, wenn ich etwas nicht tun will und wie dieser Widerstand schwindet, wenn ich mich einfach der Tätigkeit hingebe, egal was es ist. Wenn wir nicht wählen, nicht wünschen, sondern einfach akzeptieren, entstehen keine inneren Konflikte.

Und ich erinnerte mich wieder einmal an einen für mich so wichtigen Satz aus der Yogalehre:

„Alles, was das Leben bereithält, dient uns, um zu wachsen und zu lernen. Das Leben ist eine Einladung an das Unbekannte.“

Wir fühlen uns sicher, wenn wir ein gewohntes Umfeld haben. Nichtwissend, dass das Leben so viel mehr anbietet, als wir erwarten oder uns vorstellen können. Und jeder hat ja bestimmt schon selbst die Erfahrung gemacht: Das Leben hält selten das bereit, was wir erwarten, sondern das, was dran ist. Alles passiert aus einem Grund.

Immer, wenn ich mich an diese Zeilen erinnere, entspannt sich tief in mir drin etwas. Ich finde dieses Wissen so wertvoll.


Montag

Heute Morgen hätte ich mich beinahe weggeschmissen vor Lachen: gegen 4 in der Nacht gab es einige schwere Gewitter und ich habe mir sagen lassen, dass Ziegen keine Gewitter bzw. Regen mögen. Normalerweise, wenn wir die Ziegen gegen 6 Uhr reinholen, stehen sie gesammelt vor dem Eingang der Nachtweide. Heute Morgen als wir hin sind, war erst überhaupt nichts zu sehen, keine einzige Ziege. Als wir sie dann gerufen haben, ist nach und nach hinter jedem einzelnen der vielen Felsen ein Ziegenkopf aufgetaucht/hat hervorgeschaut. Sie haben sich dort offensichtlich vor dem Gewitter/Regen versteckt. Das war soooooo lustig 😂😂😂😂 - plopp, plopp, plopp…..

Nach dem Melken, kurz nach 7, sind wir gleich wieder zu viert auf dem Quad los zum Stacheldrahtzaun machen. Ich Depp hab mein Handy vergessen – ich hätte das so gerne gefilmt, wenn wir unterwegs über die riesigen Weiden düsen, vorbei an den Kälbern, durch die Pferdeherde durch (die immer größer wird - inzwischen sind es 15), rundherum die Dolomitenkulisse und bunte Bergwiesen. Einfach unbeschreiblich.

Das Zäunen selbst war wieder harte Arbeit, eine frische Rolle Stacheldraht lässt sich tragen, vor allen auf steilen Hängen😮. Da bleiben auch über kurz oder lang blutige Finger oder Arme nicht aus, denn irgendwo bleibt man immer hängen. Auch vorsichtiges Gehen war dran, denn mit einer Rolle Stacheldraht auf dem nassen Borstengras auf steilen Hängen auszurutschen, kann tatsächlich böse enden Lea und ich hatten danach schrumpelige Füße (so wie nach 2 h Badewanne), weil wir ständig durch irgendwelches Moos und Bäche gehen mussten und nach kurzer Zeit schon die Schuhe durchtränkt waren und wir ungefähr 5 Stunden im nassen Füßen rumgewerkelt haben. Aber nachmittags war gottseidank die Sonne da und wir konnten die Füße draußen trocknen - die Schuhe brauchen wohl noch ein bisserl…

Nach einer Minirast geht’s gleich wieder los - die Milchkühe kommen heute und wollen aufgetrieben werden.

Was hier oben wirklich total schön ist und mich beeindruckt, ist der Zusammenhalt. Jeder packt überall mit an, wenn der Koch Hilfe braucht, wird schnell mal mitgeschnippelt, wenn die Ziegen oder Schweine uns mal wieder verarschen und sich nicht reintreiben lassen, springt kurzerhand jemand von Service mit auf die Weide oder wenn der Service schwimmt, putzen die Hirten das Klo. Was ich komisch finde und was mir schon im letzten Jahr auf dem Bergbauernhof aufgefallen ist, dass es scheinbar ein No-Go ist, einfach mal ein paar Minuten dazusitzen und nichts zu tun. Selbst nach dem Essen dauert es keine 5 min und das Abräumen beginnt: auf geht’s, weiter geht’s, nur nicht dumm rumsitzen.

Und dieser latente Druck, der damit permanent im Hintergrund herrscht, ist eigentlich am schwersten auszuhalten, das Anstrengendste hier oben. Ist schon witzig: keiner sagt jemals „sitz nicht so faul rum“, aber non-verbal spürt man das einfach. Na klar, Auf einer Alm gibt es immer etwas zu tun. Aber trotzdem kann man sich doch einmal erlauben Pausen zu machen. Ein paar andere hier empfinden das auch so. Die Sennerin, die selbst auf einem Bauernhof groß geworden ist, meinte, dass das wie ein Glaubenssatz ganz tief in den Zellen sitzt „wenn ich nichts tue, bin ich nichts wert.“ Ich konnte das dann nachvollziehen, habe Verständnis, denn Glaubenssätze lassen sich ja nicht einfach so abstellen.

Trotzdem erscheint mir dieses permanente Tun als so sinnlos. Und doch macht es was mit einem, dieses „fleißige“ Arbeiten.

Wird das Ego abgeschliffen?


Freitag

Heute Morgen bin ich wieder die Weiden abgegangen zum Kälber und Pferde zählen. Es war ein unbeschreiblich schönes Wolkenschauspiel – grundsätzlich sonnig und blauer Himmel aber eben auch diese morgendlichen aufsteigenden, weißen Wattebauschwolken. Es war ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht und ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war, als ich im Gras gesessen bin, das Fernglas in der Hand und Rocky, der Hütehund, wie ein Sphinx im Gras neben mir. Die Natur hier oben, von der man morgens bis abends umgegeben ist, die macht definitiv etwas mit einem.

Heute sind auch noch ein paar Milchkühe gekommen und auf dem Weg zum Hochtreiben hat sich folgendes Almgespräch ergeben zwischen Lea, Lene und mir:

„Lene, wie lange bleibst du noch?“

„Bis Sonntag nächste Woche.“

„Welchen Tag haben wir heute?“

„Dienstag.“

„Nein Mittwoch“

Kurze Pause

„Oder doch Dienstag?“

„Was ist das für ein Datum, wann du fährst?“

„Der 25.“

„Der wievielte ist heute?“

Langes Schweigen.

Erst der Blick aufs Handy hat eine Antwort entstehen lassen.

Hier oben vergisst man wirklich die Zeit.

Beim Hochtreiben heute hat eine Kuh gestreikt und ist stehengeblieben, wollte keinen Schritt mehr weiter. Wir haben ewig gebraucht, aber letztendlich haben wir sie sicher auf die Alm gebracht. Ich habe sie heimlich für ihre Langsamkeit geliebt. Sie kann nicht mehr, also bleibt sie stehen. Egal was der Rest der Herde macht, wo die anderen sind – recht hat sie.


Mein Almtagebüchlein mag sich so anhören, als ob hier oben alles rosig ist und super easy. Es ist wirklich eine wahnsinnig tolle Erfahrung, aber es ist bei weitem nicht alles Sonnenschein oder eine entspannte Auszeit im Bergparadies, wie viele meinen. Man merkt sehr wohl, wie jeder einmal an seine Grenzen kommt – körperlich, wie auch emotional. Es ist wirklich harte Arbeit hier oben und auch der begrenzte Raum ist eine Herausforderung. Es ist einfach die Mischung aus einmaligen Momente wie heute Morgen auf der Weide und das an Grenzen kommen/die Komfortzone verlassen und sich selbst dabei erfahren, die mich antreiben, so etwas zu machen und für mich das Besondere sind an so einer Almzeit. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass Verzicht auf allen Ebenen bereichert. Was werde ich ein zeitlich unbegrenztes Frühstück nach der Alm genießen und wertschätzen! Das ist übrigens etwas, auf das ich mich im Tal definitiv freue: Zeit zum Essen. Nicht nur reinschaufeln und dann schnell wieder aufstehen und los geht’s, sondern langsam und in Ruhe essen und danach noch ein paar Minuten sitzen bleiben. Das finde ich auch so wertvoll. Im Yoga und Ayurveda wird ja sehr viel Wert auf eine ausgewogene Ernährung gelegt, leichte Kost, wenig Milchprodukte (🤣🤣🤣), Zeit zum Zubereiten und Essen. Ich möchte nicht sagen, dass hier oben das Essen nicht schmeckt, aber es ist alles andere als leicht und bekömmlich. Und die fehlende Zeit zum Essen macht so einiges aus.

Rocky, der Hütehund, ist übrigens soooooo ein Engel ❤️❤️❤️

Ich habe noch nie einen so freundlichen und offenherzigen, intelligenten wie empathischen Hund erlebt. Außerdem ist er Freude pur - beim Kälber zählen und über die Weiden laufen wirft er sich immer wieder einfach so mal ins Gras, wälzt sich, jault vor Freude dabei und ist einfach nur happy. 😍 Bliss und joy pur, ananda würde man im Yoga sagen 😇 Grundlose Freude. Wahrscheinlich hat er samadhi erreicht, der Kleine ;-)

Schnee liebt er auch über alles. Mittlerweile gibt es nur noch ganz wenige kleine Reste hoch oben, in denen er sich wälzen kann.


Montag

Gestern war ein fader Tag, wieder total wenig los und irgendwie schlechte Stimmung. Elli (die Sennerin) ist mit Lea (die Zusenn) unzufrieden und Lea überlegt tatsächlich zu gehen. Ich bin abends hoch zur Nachbarhütte (ich war ausnahmsweise abends noch fit!!) und hab dort in aller Ruhe und mit Zeit ein Bier getrunken, mit Genuss und ohne Druck. Oh, wie schön war das! Lea war auch zufällig da, dann haben wir noch geratscht. Ich freue mich mittlerweile darauf, ins Tal zurückzukehren, wo ich wieder in Ruhe lesen und Yoga praktizieren kann. Heute ist auch irgendwie schlechte Stimmung in der Luft – keine Ahnung warum. Aber auch solche Phasen gehören wohl dazu


Freitag

Mein Aufenthalt auf der Alm neigt sich dem Ende zu. Vorgestern hat Lea, die Zusenn, dem Almbesitzer Karl Bescheid gegeben, dass sie aufhören wird. Sie kommt körperlich und emotional an ihre Grenzen, hat sich wohl überschätzt, sagte sie. Ehrlich gesagt, habe ich mich öfter einmal gefragt, wie sie das macht. Ihr Tag beginnt um 4 Uhr und ist wirklich randvoll gefüllt bis abends um 20 Uhr mindestens. vormittags steht sie stundenlang in der Käserei, bei Laugengeruch, Hitze und immer dieses Wasserpantschen bzw. Geräte spülen. Ich könnte das nicht und ich verstehe ihre Entscheidung…. Außerdem gab es mit der Sennerin, ihrer „Vorgesetzten“ zwischenmenschliche Spannungen, was das Ganze natürlich noch schwerer macht. Die Arbeit an sich ist schon anstrengend genug, wenn es dann innerhalb des Teams auch noch Reibereien gibt, ist das eine zusätzliche Belastung.

Die Entscheidung der Zusenn wirft in mir wieder mal die Frage auf:

Wo hört Scheitern auf und wo fängt gesunde Grenzen ziehen an?


Eine sehr spannende Frage, wie ich finde.

Im Yoga heißt es, dass, wenn wir selbstlos werden/Karma Yoga machen (Dinge tun, weil sie getan werden müssen/nicht um des Ergebnis willen/mit Hingabe), sich unser Ego abschleift. Und das ist auch die Erfahrung, die ich gemacht habe. Immer wenn ich durch „harte Zeiten“ (Zeiten, die fordernd waren und ich die Komfortzone verlassen habe) gegangen bin, war danach etwas grundlegend anders, hat sich tief in mir etwas verändert. Aber ich denke es ist immer eine Gratwanderung und man muss sehr wachsam dabei sein. Wo überschreite ich Grenzen so sehr, dass ich nicht mehr nur in der Risikozone bin (die Zone, die nach der Komfortzone kommt - in der ich Neues erlebe, Dinge tue, die noch nicht kenne, aber noch handeln kann), sondern schon in der Überforderungszone (ich kann nicht mehr handeln, fühle mich ohnmächtig, überfordert)


Ich gewinne hier auch immer mehr Klarheit, hatte heute bei der wunderschönen Abendrunde eine wichtige Erkenntnis:

die Langsamkeit, die Achtsamkeit, das Innehalten -das ist meins, das macht mich glücklich, das macht mich zufrieden. Elli, die Sennerin, fühlt sich hier so wohl, weil sie durch ihr Tun-Wesen so viel Bestätigung bekommt. Ich bekomme hier mit meiner Liebe zum Innehalten keine Bestätigung - deswegen ist es so schwer für mich. Das wurde mir heute so glasklar, war wie eine Erkenntnis, die aufgetaucht ist.

Und ich habe etwas ganz Wichtiges erkannt:

ich kann/darf zufrieden sein, auch ohne Bestätigung zu bekommen. Ich brauche keine Bestätigung um zu wissen, dass ich, so wie ich bin, richtig bin. Genau DAS wurde mir heute klar.

Ich bin richtig, so wie ich bin.

Was für ein Geschenk!!


Ich spüre gerade eine tiefe innere Ruhe, Zufriedenheit und Verbundenheit. Sitze hier auf dem Schnippel Richtung Sellajoch, mein Blick geht zur Marmolada und die ganzen Bergketten ringsum. Das ist Glück für mich. Pures Glück. Ich BIN und fühle mich zutiefst verbunden. Jaaaaa, da ist sie wieder, meine Zufriedenheit - was hab ich sie vermisst…. In der ständigen Betriebsamkeit und dem Tun hier oben hatte ich sie tatsächlich verloren.

Die letzten zwei Tage waren sooo unendlich reich und ich habe so große Dankbarkeit und Verbundenheit gespürt. Es waren genau die Tage, in denen alles entzerrter wurde, weil ich abends nicht mehr mit in den Stall bin (ein neuer Helfer war da) und es Zeit gab zum Innehalten und Schauen.


Sonntag

Heute ist der vorletzte Tag und mir kommt es tatsächlich so vor, als ob, seit ich abends nicht mehr in den Stall gehe und Zeit und Energie bleibt zum Innehalten in der Natur/Verweilen/spazieren gehen, erst jetzt wirklich wertvolle Momente zum Vorschein kommt. Es gab heute zwei Momente, die mich tief berührt haben:

als ich die Ziegen reingeholt habe und mich noch ein wenig zu Ihnen gesetzt habe, kam die Schmuseziege I und Schmuseziege II zu mir und noch – ganz mutig - eine komplett neue Ziege, die es auch sichtlich genossen hat, sich kraulen zu lassen. Und auf der Wanderung bei der kleinen Plattkofelrunde, in dieser magischen Senke mit dem Labyrinth, kam ein Murmeltier aus seinem Loch gekrochen, Stück für Stück mehr. Ich bin mucksmäuschenstill dagesessen, keine Ahnung wie lange, und irgendwann hat es sich ganz rausgetraut. Dieses Vertrauen rührt mich zutiefst und macht mich gerade sehr dankbar. Beglückt und beseelt mich. DANKE, du wunderbare Natur.

Ich sitze noch immer in dieser mystischen Senke und schaue auf den Plattkofel. Mir wird gerade klar, dass ich jetzt einige Wochen am Fuße dieses mächtigen Berges verbracht habe. Und dieser Berg war immer da – wie ein mächtiger Wächter thronte er neben/über der Alm. Nomen est Omen. Der Berg heißt Plattkofel und jetzt, am Ende meines Almaufenthalts, bin ich tatsächlich körperlich total platt 😂. Ich denke, ich werde erst einmal drei Tage nur schlafen, wenn ich zurückkehre.

Innerlich bin ich aber erfüllt und angefüllt mit neuen Erkenntnissen und Erlebnissen. Nicht nur mit den handwerklichen – ich kann jetzt Ziegen melken, Zäune machen, buttern, usw., sondern auch mit inneren Erkenntnissen – wo finde ich Zufriedenheit, wie gehe ich mit Druck um. ich bin zutiefst dankbar und beseelt für diese Zeit hier, diese Erlebnisse, diese Erfahrungen. Die harten und schweren, genauso wie die leichten und lustigen. Und natürlich das alles in dieser grandiosen Umgebung, so nah an der Natur, so nah an unserer Essenz.

DANKE DANKE DANKE


Und jetzt, zwei Stunden später, sitze ich gerade auf Lene’s Lieblingswiese mit Blick auf die Seiser Alm und schaue in die untergehende Sonne. Ich bin total überwältigt von so viel Schönheit. Man hört nichts, absolute Stille. Nur ganz sanft die Kuhglocken von unten. Alles ist menschenleer - dort wo tagsüber Touristenströme waren. hat man jetzt den Berg für sich allein - das ist für mich wahrlich das Privileg von Almarbeit. Man kann abends, wenn alle weg, noch einmal losziehen und hat den Berg/die Gegend komplett für sich alleine.

Ein kleines Vogerl ist vor einigen Minuten unweit von mir auf einem Stein gelandet. Er ist dort eine Zeit gesessen und dann zwitschernd und Luftsprünge machend davongeflogen, gegen die untergehende Sonne. Das war für mich die absolute Analogie zur Freiheit und Freude. Hier „wegzukommen“ fühlt sich tatsächlich ein wenig wie aus dem Käfig kommen an - es riecht nach Freiheit und Autonomie. Ich muss jetzt ganz arg weinen so gerührt bin ich.

Auf dem Heimweg habe ich noch Lea, die Zusenn, und Julia auf der Plattkofelhütte getroffen und erfahren, dass Lea morgen früh um 7 Uhr mit Karl ins Tal fährt. Ich war geschockt, dass sie so schnell „abgeschoben“ wird und auch so kurzfristig Bescheid bekommt. Wir haben noch schön geratscht und das Feuer bestaunt.


Dienstag

Jetzt ist er also da, der letzte Tag. Ich gehe mit einem lachenden und definitiv mit einem weinenden Auge. Ich werde vermissen: das naturnahe Leben in grandioser Landschaft, die Arbeit mit den Händen, das nette Miteinander und natürlich die Tiere, allen voran Rocky, diesen Engel von Hund, und die Ziegen. Was ich nicht vermissen werde: die hektische Betriebsamkeit, das ständige Überschreiten körperlicher Grenzen, die wenige Privatsphäre und keine Zeit zum Innehalten.

Ich bin auch ein bisserl geknickt, denn mir wurde klar, wenn man alleiniger Hirte sein will, muss man auch Elektriker, Schreiner, Ingenieur, Lastenträger, Supermann 💪🏻und noch viel mehr sein. Die ganzen Aufgaben erscheinen mir echt eine Nummer zu groß für mich bzw. eine Frau und so wurde ich ein wenig „desillusioniert“ was die Tätigkeit als alleinige Hirtin in Zukunft betrifft. Ich weiß ja nicht, wie das auf anderen Almen ist, aber hier muss man so ziemlich alles können.


Und jetzt, am Ende meiner Almzeit erlebe ich auch etwas, von dem ich nieeee geglaubt hätte, dass es jemals eintritt: ich kann keinen Apfelstrudel/Kaiserschmarrn/Hüttennudeln mehr sehen 😮😂😂😂Wir hatten hier freie Kost und 24 Stunden am Tag standen die allerfeinsten Hüttenspezialitäten bereit wie z.B. selbstgemachter Apfelstrudel, Topfenstrudel, frische Marmelade, Brennnesselknödel und natürlich allerfeinster Käse. Gefühlt habe ich von den vielen Kohlenhydraten und Zucker auch fünf Kilo zugenommen, trotz all der körperlichen Betätigung.

Ich freue mich jetzt auf die Langsamkeit im Tal.

Im Yoga heißt es immer:

Alles ändert sich ständig und jeder Zustand kommt und geht.

Auch Umstände und Gegebenheiten sind in steter Veränderung. So darf ich mich jetzt in einer ganz wichtigen Eigenschaft üben – dem Loslassen. Mit tiefer Dankbarkeit für diese unvergessliche Zeit hier gehe ich heute wieder ins Tal….Ich hab ein bisserl Angst vor der Hitze dort unten (im Gadertal soll es heute 30 Grad bekommen) und vor allem dem vielen Beton, aber ich weiß, auch an das werde ich mich wieder gewöhnen

Alles kommt und geht….


Am Abend:

Nun bin ich also wieder unten im Tal. Als ich aus dem Auto gestiegen bin, hätte es mich beinahe umgehauen von der Hitze. Fast 30° – oben auf der Alm hatte es nie über 20 und es war natürlich ein ganz anderes Klima, nicht so schwül wie hier unten. Ich habe ganz bewusst noch einen Zwischenstopp in meiner zweiten Heimat, im Gadertal, eingeplant, um in Ruhe wieder zu „landen“ und mich langsam der Zivilisation wieder anzunähern.

Als ich Richtung Villnöss gekommen und weiter Richtung Würzjoch gefahren bin, wurde auf einmal mein Herz ganz weit. Alles war vertraut und alles hier, das Ladinische, erscheint mir viel weicher - auch die Nadeln der Bäume (Lärchen 😂). Müde, erschöpft und angefüllt mit vielen vielen Eindrücken und Erlebnissen, die sich jetzt erst einmal setzen dürfen falle ich heute ins Bett – Und morgen kann ich schlafen und frühstücken sooooo lange ich will - kann das noch gar nicht glauben 😮😮😮





UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT:

Nun sind ein paar Tag vergangen und die ganzen Eindrücke durften sich setzen. Es war eine wahnsinnig schöne und bereichernde Zeit, die ich nie mehr missen möchte in meinem Leben und ich bin so froh, dass ich es gemacht habe, diesen langjährigen Traum verwirklicht! Ich genieße es natürlich auch sehr, hier unten im Tal nun wieder Zeit zu haben und weicher sein zu können mit mir und gleichzeitig vermisse ich das stete Tun dort oben, was den Kopf so schön leer gemacht hat. Es ist schon absurd:

Da erfindet die Menschheit im Laufe der letzten Jahrhunderte Dinge, die den Menschen Zeit sparen, so dass er mehr freie Zeit zur Verfügung hat. Und dann erfindet der Mensch aber ständig neue Dinge, um diese Zeit, die er dann mehr zur Verfügung hat, zu füllen/sich abzulenken, weil er ansonsten den unruhigen Geist nicht aushält. Ich hab das so deutlich auf der Alm gespürt: wie leicht es sich angefühlt hat, wenn kein Raum für Gedanken ist, weil man ständig am Tun ist. Die Königsklasse wäre natürlich, dass man Gedankenleere ohne ständiges Tun erreicht 🙄, was ja ein wesentliches „Ziel“ von Yoga ist.


Auf die Alm bin ich gegangen, weil ich neugierig war auf die ganzen Erfahrungen dort – sowohl das Handwerkliche, als auch auf mich und meine Reaktionen (auf die Herausforderungen bzw. Hereinforderungen dort) – „yoga for the mind“ sozusagen. Mir war bewusst, dass das knallharte Arbeit wird und keine Auszeit im Streichelzoo. Wie heißt´s so schön im Handbuch Alp:

„Die Alp ist nicht der Ort, an dem du aufhörst zu rauchen, zu trinken und Schokolade zu essen. Sie ist nicht der Therapieplatz, an dem du die Trennung von deiner Liebsten problemlos bewältigen kannst. Die Alp wird dein Arbeitsplatz sein und sie ist vor allem der Ort, an den du dich selbst mitnimmst. Niemand da, der dir das abnehmen wird.


Und dem stimme ich vollends zu!

Im Yoga heißt es du kannst in den Urlaub fahren oder umziehen, hierhin und dorthin fahren, du wirst immer deinen eigenen Geist mitnehmen. Und der wird dich früher oder später immer wieder einholen, egal wo du bist. Es sind nicht die Umstände, die geändert werden müssen, sondern die Zustände, deine eigene Wahrnehmung. Wenn du also wirklich Veränderung willst, fang an deinen Geist/dein Inneres zu verändern.

Es scheint mir, als ob die Alm ein Ort ist, an dem Dinge, die ohnehin tief in einem schlummern, schneller und klarer ans Licht kommen, als anderswo. Vermutlich ist es die wunderbare Natur, die nichts anderes zulässt als Wahrhaftigkeit. Und dann kann man diese Dinge/seinen Geist/seine Gewohnheiten, die da alle so ans Licht kommen, anschauen, verdrängen oder versuchen zu vertuschen (was dort oben auf Dauer nicht funktionieren wird). So gab es auch für mich auf der Alm Momente, die unvergesslich waren und bleiben werden. Ich habe körperliche Höchstleistungen vollbracht, von denen ich nicht im Ansatz geglaubt hätte, dazu fähig zu sein und in denen ich über mich hinausgewachsen bin. Und es gab Momente, die sowohl fordernd als auch niederschmetternd waren wie z.B. meine Unsicherheit und meine Angst, die dort oben einige Male ans Licht kam.

Ich bin so froh, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe und fühle mich unendlich reich beschenkt! Ähnlich wie nach der Reise nach Tibet zum Mount Kailash – nicht das Ziel war ausschlaggebend, sondern der Weg.

Was ich erkannt habe und was mir so klar wurde:

Das Leben ist so viel mehr als ständig nur Arbeit und ein sauberer Hof. Zu einem gesunden und erfüllten Leben gehören für mich Genuss und Zeit für Pausen/einfach nur sein genauso dazu wie Arbeit und Tun - ein gesundes Gleichgewicht eben. Ich spüre auch eine Art Mitgefühl mit mir, dass ich dort oben so hart zu mir war und bemerke wie wichtig Freude und Genuss sind. Und mir ist wieder einmal bewusst geworden, wie „leicht“ man sich fühlt, wenn der Geist beschäftigt ist und keine Zeit für Gedanken in die Zukunft oder Vergangenheit sind, so wie oben auf der Alm. Was mir wieder einmal zeigt, dass Frieden zuallererst im eigenen Geist entsteht.


So verlasse ich die Alm also mit vielen neuen, handwerklichen Fähigkeiten und auch mit vielen neuen inneren Erkenntnissen. Körperlich war es mit all den steilen Hängen, tiefen Gräben, den schnellen und schlauen Ziegen (denen ich so einige Male hinterherlaufen musste), dem schweren Stacheldrahtzaunrollen und Much´s spoprtlicher Quadfahrweise ein Work-Out, geistig war es mit all den Komfortzonen verlassen, dem leer werden von Gedanken, der wenigen Privatsphäre ein Work-In – Yoga jenseits der Matte also.


Die Alm ist definitiv ein ganz besonderer Ort.

Man nimmt sich selbst mit und das kann das größte Geschenk wie auch der schlimmste Alptraum werden. Die Alm schenkt Klarheit, bringt vieles deutlich ans Licht, was ohnehin schon in den Tiefen schlummert, man erlebt dort Momente, die unvergesslich bleiben und man ist einfach nur ganz nah dran an der Natur – an der rundherum wie auch der eigenen!


Einfach dem Himmel ganz nah….


Aber nicht vergessen:


„Suche nicht außerhalb von dir. Denn es wird misslingen und du wirst jedes Mal weinen.

Der HIMMEL kann nicht dort gefunden werden, wo er nicht ist.“

(aus "Ein Kurs in Wundern")





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